01.02.2019

„Das ist was vollkommen Neues, was wir da hören. Das müsst ihr euch anhören!“ (Diedrich Diederichsen in Sounds, 1980).


KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

im Journal Frankfurt LIVE! 

Nr. 03-2019, 01.-14.02.2019


Am 6. Mai 2019 kann man in Frankfurt einen Teil deutscher elektronischer Musikgeschichte wahrnehmen, der Anfang der 80er zwischen Kraftwerk und Nena seinen Ursprung hatte. 1979 betitelte die Sounds Musikzeitschrift Der Plan mit „Neue Deutsche Welle“, Jahre bevor dieser Begriff für ein ganzes Genre herhielt und im Kirmes-Mainstream unterging. Gegründet wurde Der Plan – nachdem man sich vorher Weltende und Weltaufstandsplan nannte – von Kurt Dahlke (alias Pyrolator), der schon vorher bei den Fehlfarben spielte, Moritz Reichelt (alias Moritz R®, allen Ernstes ein geschütztes Markenzeichen), Frank Fenstermacher (ebenfalls vormals Die Fehlfarben) und u.a. Robert Görl, der später D.A.F. (Deutsch Amerikanische Freundschaft) mitbegründen sollte.


Mit dem Hintergrund der Düsseldorfer elektronischen Musikkeimzelle (NEU!, La Düsseldorf, Kraftwerk) und der vorher erfolglos betriebenen Galerie Art Attack (Motto: „Die erste New-Wave Galerie Deutschlands oder sogar der Welt“), entstand mit dem Label Ata Tak auch die Idee des Do-It-Yourself-Musikvertriebs. Auf Ata Tak veröffentlichten später u.a. auch Andreas Dorau („Fred vom Jupiter“), Die Fehlfarben, Element Of Crime und D.A.F. Möglich machte diesen der Umstand die ehemalige Galerie, die Ende der 70er von Wuppertal nach Düsseldorf umzog, und in der die rheinische Punk- und New Wave Szene abhing. Zwar kaufte niemand ein Bild, aber es entstand ein zukunftsträchtiges Netzwerk von Musikern und Künstlern, was später auch zu der Anekdote führte, dass sich der Mute Records-Gründer und Depeche Mode-Entdecker Daniel Miller aus London sich bei Moritz Reichelt meldete, um einen Kontakt zu D.A.F. zu erhalten, die später auch bei Mute in England veröffentlicht und bekannt wurden. Der Kontakt zu Daniel Miller verschaffte dem Grafiker Reichelt aber die Cover-Grafikaufträge zu den frühen Depeche Mode-Singles „See You“ und „Meaning Of Love“.


Im Unterschied zur späteren NDW ging es dem Plan aber um einen sehr politischen Anspruch, Geschichtsbewusstsein und die Entlarvung der Banalität des Alltags, was in Texten wie „Zeitgeist, das ist Sklaverei, Mode, Business, Barbarei! Wir scheißen auf die Heuchelei, denn die Moderne ist vorbei! Bye bye, bye bye!" deutlich wird. Auch wurden in den frühen Stücken gerne Zitate des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel benutzt. Auch der Titel des revolutionären Musikfestivals Belehrung & Unterhaltung, an dem Der Plan 1980 in Berlin teilnahm, lässt einen gewissen Anspruch erahnen. Es war der Vorläufer des berühmten Festival Genialer Dilletanten (absichtlicher Verschreiber) 1981 im Berliner Tempodrom. Alfred Hilsberg schrieb 1980 ebenfalls in Sounds über die erste LP „Geri Reig“: „Jeder kann sowas machen, und die Platte müsste eigentlich vielen Leuten Mut machen … intellektuell verarbeitet sicher, aber mit soviel Witz und Direktheit, dass diese Platte wirklich nicht als Ausgeburt von Künstlerhirnen diffamiert werden kann.“


Interessant wird aber erst die Tatsache, dass Der Plan die textliche, inhaltlich eher intellektuelle Intention ausschließlich durch elektronische Musik begleitete. Am Anfang wurden mangels verfügbarer und erschwinglicher Synthesizer und Sequenzer auch gerne handelsübliche Wechselsprechanlagen und Kinderorgeln verwendet. Die Aufnahme der ersten Single wurde dann auch mit einem Sanyo Diktiergerät realisiert. Besondere musikalische Effekte entstanden durch nicht mehr neue Batterien und den daraus resultierenden Gleichlaufschwankungen. Man könnte das Kunstprojekt Der Plan und parallel tüftelnde deutsche, elektronische Musik-Pioniere wie z.B. Palais Schaumburg also eher mit Gary Numan, David Bowie oder Yellow Magic Orchestra vergleichen, als mit Nena, Markus oder Hubert Kah.


Heute nennt sich die Formation auch gerne Der Plan v5.0 und hat mittlerweile zwölf Alben veröffentlicht. Wir freuen uns auf Der Plan – Unkapitulierbar, Montag, 6. Mai, Kunstverein Familie Montez, Frankfurt.


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