DOCUMENTARY

80s MUSIC SPECIALS

HIGH ENERGY – DISCO AUF HOCHTOUREN


Zu Beginn der 1980er Jahre ließen Musiker aus San Francisco aus der Asche der in Ungnade gefallenen Discomusik ein neues Genre auferstehen: den Hi-NRG (für „High Energy“). Anfangs vor allem in Schwulenclubs populär, fanden die wilden Beats dank zahlreicher Hits „made in Europe“ rasch auch beim breiten Publikum Anklang.

Zu Beginn der 1980er Jahre schien die Discomusik tot und begraben - 1979 organisierte ein DJ zusammen mit Lobbys von Rock- und Country-Musik sogar eine „Disco Demolition Night“ bei einem Baseballspiel in Chicago. Für Diskotheken-Betreiber und eingefleischte Clubber war die Party aber noch lange nicht zu Ende ...

1981 entwickelte Patrick Cowley, ein Musiker aus San Francisco mit einer ausgesprochenen Leidenschaft für Synthesizer, aus der noch glimmernden Glut der Discomusik einen Abkömmling: den durch mechanische Beats und Technoklänge aufgepeppten Hi-NRG (für „High Energy“). Die erste Zielgruppe waren Schwulenclubs, zu den ersten prominenten Vertretern gehörten extravertierte Ausnahmekünstler wie die Drag-Queens Divine und Sylvester.

Die neue, unbändige Form der Discomusik ohne Geiger, Bläser oder andere „traditionelle“ Instrumente, also nur mit Synthesizern und Rhythmusboxen, verbreitete sich wie ein Lauffeuer über Kanada bis nach Europa. Dort wurde London zum Produktionszentrum. Dank zahlreicher internationaler Hits wie „High Energy“ von Evelyn Thomas, „Relax“ von Frankie Goes to Hollywood, „Venus“ von Bananarama sowie den ersten Hits von Kylie Minogue und Rick Astley war bald auch das breite Publikum erobert. Sogar Discoqueen Donna Summer sprang mit ihrem letzten weltweiten Hit „This Time I Know It’s For Real“ auf den Hi-NRG-Zug auf. Der Film zeigt auch die anderen europäischen Varianten der Bewegung, zum Beispiel in Deutschland mit Künstlern wie Sandra und Fancy oder in Italien mit der „Italo Disco“.

Traurige Ironie der (Musik-)Geschichte: Diese neue, elektronische Form der Discomusik entfaltete sich in der Schwulenszene genau in dem Jahrzehnt, als diese von einer schrecklichen Epidemie getroffen wurde, die bald jede Partystimmung trübte: AIDS.


ARTE, 2018, 01:00

WELCOME TO THE 80s

1: POSTPUNK UND NEUE DEUTSCHE WELLE


Die 80er waren das Jahrzehnt der Jugendkulturen: Ob Punker, Popper, Waver, Ökos, Heavies, Grufties, Acid-Jünger oder Hip-Hop-Heads. Sie alle hatten ihren Sound und ihre Kleidungscodes. "Welcome to the Eighties" ist die erste umfassende TV-Darstellung der musikalischen Entwicklung der 80er Jahre. Die sechsteilige Dokumentationsreihe bettet die musikhistorische Aufbereitung in den zeitgeschichtlichen Rahmen ein und erzählt so, wie wir wurden, was wir sind - wurden doch in den 80er Jahren jene popkulturellen Gleise gelegt, auf denen wir heute noch reisen. Heute: In den 80ern sind geniale Dilettanten die Stars der Stunde. Und dabei ist die musikalische Spannbreite extrem vielfältig: Vom Noise-Rock der New Yorker No Wave-Bewegung über die Geburt von Ska und 2Tone in England bis zu den Anfängen der Neuen Deutschen Welle.

Postpunk & Neue Deutsche Welle beginnt bereits in den später 70er Jahren: der Punkrock wirkt wie eine musikalische Entschlackungskur für eine aufgeblähte und tot produzierte Pop- und Rockmusikszene (Barclay James Harvest, Pink Floyd, Yes), initiiert eine nie zuvor dagewesene Vielfalt und Experimentierfreude.

Bis heute maßgeblich einflussreiche Bands wie Devo, Gang of Four und Wire prägen den Postpunk-Sound und spielen mit neuen technischen und musikalischen Möglichkeiten. In den gewaltigen ökonomischen Umbrüchen Großbritanniens der späten 70er formiert sich ein hochpolitischer Sound, der schwarze und weiße Elemente miteinander kombiniert: The Clash atmen Reggae und Punk gleichermaßen, The Specials reanimieren den jamaikanischen Ska der 60er. Sie alle zünden ein Fanal gegen den europaweit aufkommenden Rechtsextremismus - und zugleich schlägt die Geburtsstunde der Independent-Bewegung: Das Ska-Label 2Tone startet äußerst erfolgreich und füttert die britischen Top Ten mit Bands wie The Selector oder Madness, und Daniel Millers Mute-Records werden eher zufällig ins Leben gerufen. Der Film erzählt, wie das geschah. Noch heute ist der Mann Plattenboss von Depeche Mode ...

Das kreative Chaos angloamerikanischer Herkunft lässt auch die deutsche Szene nicht unberührt: Als Bindeglied fungieren D.A.F., die Deutsch-Amerikanische Freundschaft. Mit minimalistischen, elektronischen Beats und provokanten Texten sind sie in England und Deutschland gleichermaßen bekannt und gelten kurz darauf als Headliner der sogenannten "Neuen Deutschen Welle". Wie in London und New York ist auch in Düsseldorf, Hamburg und Berlin eine vom Punk inspirierte Szene aktiv: Die Einstürzenden Neubauten erzeugen im Rahmen der Bewegung der "Genialen Dilettanten" wüst-expressive Geräuschkulissen, konzeptionell einflussreich basteln parallel "Der Plan" in Düsseldorf quietschbunt und maskiert in lustigen Performances ein schrilles Gesamtkunstwerk. 

Auch in der Provinz spielt man mit der deutschen Sprache, jenseits des Schlagers von Ausnahmen abgesehen noch weitestgehend ein Novum - Extrabreit feiern akustisch Schulbrände und geben all den neuen Sounds jenen Schwung, der sie direkt in die Charts befördert. Auch Ideal aus Berlin verbinden Schlager und New Wave, Trio machen den Minimalismus, von Devo und D.A.F. vorgedacht, zum Soundtrack für die Massen - "DaDaDa" wird zum Welthit aus Großenkneten. Die gnadenlose Kommerzialisierung lässt so nicht auf sich warten - schon bald sind UKW so verschossen in Sommersprossen, dass selbst Fräulein Mencke auf Hohe Berge flüchtet und dort jodelt. Was als kreative Explosion begann, verebbt und trivialisiert sich, bis selbst das Massenpublikum die Nase voll hat.

Der Film von Birgit Herdlitschke beleuchtet dieses so oft als nationale Selbstbesinnung und Gründungsurkunde "eigenständiger" deutscher Popmusik gefeierte Phänomen NDW als das, was es wirklich war: Eine spannende und facettenreiche Spielwiese, die erst im Kontext internationaler Entwicklungen wirklich verständlich wird und im Rahmen dieser auch Impulse setzte.

In einer Kombination aus Zeitzeugeninterviews, bekannten und unbekannten Fundstücken aus den Archiven und intensiver Spurensuche vor Ort - in der Bronx, in Sheffield oder in Berlin - entfaltet die sechsteilige Dokumentationsreihe ein mitreißendes Panorama aus brodelndem Underground und unvergessenen Hits.

"Welcome to the Eighties" rekonstruiert die damals vorherrschenden ästhetischen Welten und setzt da an, wo sie in Konflikt miteinander gerieten. Wie Punker gegen Hippies rebellierten, Synthie-Popper den Macho-Rock attackierten, sich im schwarzen Ghetto eine eigenständige, schwarze Kultur gegen den weißen Mainstream auflehnte, eine neue Lust am Kommerz die linke Kulturkritik beerdigte, eine schrille Partykultur Kopflastigkeit und kritische Distanz besiegte und bleich geschminkte Gothic-Freaks dem solariumgebräunten Körperkult der 80er eine düstere Welt aus Weltschmerz und Okkultismus entgegensetzten.


ARTE, 2009, 00:52

WELCOME TO THE 80s

2: SYNTHIE-POP & NEW ROMANTIC


Synthie Pop & New Romantic zeigt, wie technische Innovationen und eine entfesselte Frisuren- und Outfitparade die Bühnen in einen Laufsteg für ästhetischen Extremismus verwandeln. Die Politisierung der späten 70er und frühen 80er Jahre schlägt um in totale Ästhetisierung. Die Songs von Visage, die Kostüme von Boy George: Ein Hauch von Karneval mit ganz viel Stil durchweht die Clubs. Die Pluralisierung und Individualisierung von Lebensstilen feiert im Londoner "Blitz!"-Club ihren Durchbruch. Ein Festival der Paradiesvögel: "Gender Bender" ist angesagt, Androgynität Trumpf - von Annie Lennox, Frontfrau der Eurythmics, bis hin zu den Teenager-Idolen Kajagoogoo gilt: "Jetzt schminken sich auch Jungs" , und Frauen tragen Hosenanzüge. "Cockrocker" im Baumwollhemd sind das erklärte Feindbild. Wie überhaupt der amerikanische Mythos des guten alten Rock 'N' Roll ausdient. Europa ist in. Nicht nur David Bowie schwärmt von Berlin. Spandau Ballet tragen ihren Einfluss im Namen und Ultravox sehnen sich nach "Vienna" - in den Kölner Studios von Conny Plank aufgenommen.

Am Ende verkaufen die Briten sogar den Amerikanern ihre eigene Version des Rock'n'Roll. Als die "Second British Invasion" nach den Beatles und Rolling Stones in den 60ern die USA erreicht, Duran Duran das Land des Blues und Rock'n'Roll erobern, lästert die Musikpresse zwar über "Haircut-Bands" - doch auch sie kann deren Siegeszug nicht stoppen. Optik ist nunmehr oft wichtiger als musikalische Qualität, und doch ergeben sich auch in dieser Hinsicht erweiterte Kriterien: Aus Teenie-Bands wie Depeche Mode werden Superstars - die Keyboard- und Synthesizer-Technologie macht es möglich. Orchestral Manoeuvres in The Dark, Yazoo, Propaganda aus Deutschland, Desireless, Les Rita Mitsouko, The Human League, Heaven 17 und viele andere mehr produzieren so den prototypischen Sound der 80er. Dabei findet der kommerzielle Erfolg des Synthiepops in Gary Numan einen eher zufälligen Vater.

Frank Jastfelder porträtiert lustvoll und ironisch eine Szene, deren Look heute in der U-Bahn vermutlich als Invasion vom anderen Stern betrachtet würde. Zeigt Aufstieg und Niedergang eines neuen, akustischen Universums, das Siechtum und Trivialität anheimfällt, weil Sandra und Michel Cretu wie auch Modern Talking und Dieter Bohlen die neuen Sounds und Techniken ihren Hit-Produktionen einverleiben. Bis der Rock gnadenlos zurück schlägt und die Helden eines neuen Zeitalters mit altbewährtem Gitarrensound wieder von der Bühne fegt ...


ARTE, 2009, 00:52

WELCOME TO THE 80s

3: RAP, BREAKDANCE & GRAFFITI


Mit "Rapper's Delight" läutet die Sugar Hill Gang die 80er Jahre ein. Mit zwei Plattenspielern und einem Mikrofon erobert der Hip-Hop die Charts. Der Breakdance beeinflusst die Welt des Tanzes ebenso wie das Graffiti die der Kunst. Was leicht und unbeschwert beginnt, entwickelt sich im Laufe des Jahrzehnts zu einer internationalen Jugend- und Protestbewegung.

Rap, Breakdance & Grafitti begibt sich in das New York der Dekadenwende und zeigt das Entstehen einer selbstbewussten, schwarzen Kultur. Afrika Bambaataas "Zulu Nation" ergreift die Seelen und liefert neuen Kunst- und Lebensformen ihren Soundtrack. Inspiriert vom antikolonialen Kampf der Zulu in Südafrika ebenso wie von den politischen und musikalischen Helden der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre spielt Afrika Bambaataa gegen Bandenkriminalität, Rassismus und die Folgen der Sklaverei an. Sein Credo: Peace, Love, Unity and Having Fun! Ganz wie beim Punk die berühmten "3 Akkorde" zum Selbermachen animieren, gibt der Sprechgesang zum DJ-Set der Straße eine nie zuvor gehörte Stimme von Gewicht. Die Szenen sind noch nicht klar geschieden, die Einflüsse von Kraftwerk und The Clash immens. Up- und Downtown, Kunstszenen-Schickeria und schwarzer Underground bilden eine historisch einmalige Einheit, als Graffiti erst in New York und dann weltweit seinen "Aufstand der Zeichen" feiert und den öffentlichen Raum der reinen Kommerzialisierung wieder entreißt. In der Szene tummeln sich auch Andy Warhol und Debbie Harry von Blondie - Jean-Michel Basquiat, Grenzgänger zwischen den Welten, wird Superstar. Mit dem Breakdance erfinden die Homies auch das Tanzen neu, artistisch, mitreißend und weltweit kopiert. Die Sugarhill Gang liefert mit "Rappers Delight" den ersten Mega-Hit des Genres, Kurtis Blows "The Breaks" wirkt tiefer, und "The Message" von Grandmaster Flash definiert das Genre, bis heute gültig und unerreicht. Der neue Stil erobert unaufhaltsam die US-Kultur, selbst der harte Rapper LL Cool J wird zum Pin Up-Boy und sehnt sich nach Liebe. Seine Liebe zu Breaks and Beats entdeckt wiederum der Pariser Dee Nasty und wird zum Französischen Vater des HipHop. Run DMC avancieren zu den "Beatles des Hip Hop" und tragen dennoch zu dessen Ausverkauf bei. Die Gründung des Def Jam-Labels sorgt für ökonomische Durchschlagskraft, während ICE T und andere den frühen Gangsta Rap erfinden und Public Enemy der Bewegung politische Schärfe verleihen: "Fight The Power!". Zunehmend gewinnen Louis Farrakhan und die Nation of Islam Einfluss, der Antisemitismus-Vorwurf wirft einen Schatten auf die Szene, und allmählich gerät sie immer tiefer in die Strudel politischer Großwetterlagen ...

Jean-Alexander Ntivyihabwa schreckt in seiner Darstellung der HipHop-Kultur der 80er Jahre auch vor solch brisanten Aspekten nicht zurück, zeigt den bis heute so einflussreichen Stil im sozioökonomischen Kontext, wirft mit Dee Nasty auch einen Blick auf die frühe, französische Rezeption - zu Zeiten also, da in Deutschland MC Torch noch allein auf weiter Flur stand.


ARTE, 2009, 00:52

WELCOME TO THE 80s

4: CHARTS, CLIPS & KOMMERZ


Bye, bye, linke Kulturkritik. Die 80er sind auch das Jahrzehnt, in dem die Wallstreet plötzlich cool und in Hollywood vermarktet wird. Die Popper der frühen 80er bilden die Vorhut, ihnen folgen die Yuppies. Sade, Everything but the Girl und Matt Bianco liefern die musikalische Kulisse für die gepflegte Party mit Leonardo-Gläsern und Mumm-Sekt. Die neuen Superstars heißen Madonna und Michael Jackson. Und Kommerz ist ab sofort kein Schimpfwort mehr, ganz im Gegenteil, man bekennt sich sogar dazu.

Schluss mit „Null Bock!“, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt. Die Popper der frühen 80er sind die Vorhut, ihnen folgen die Yuppies, „Young Urban Professionels“: Sie avancieren zu Role-Models und tummeln sich in den V.I.P.-Lounges der großen Discotheken. Man hüllt sich ins Spencer-Jackett oder das kleine Schwarze und lässt Sit-In und Selbsterfahrungsgruppe weit hinter sich. „Hedonismus“ ist wieder angesagt, und Cyndie Lauper, gewiefte Geschäftsfrau, Prototyp des „Girlie“, will deshalb einfach nur Spaß. Obwohl Madonna in „Suzan … verzweifelt gesucht“ noch als annähernd obdachlose Postpunkgöre durch New York irrlichtert, ist seit „Material Girl“ klar: Neue Superstars nehmen allen Indie-Sehnsüchten den Wind aus den Segeln, nutzen das neue Medium Video konsequent nicht nur in künstlerischer Hinsicht, sondern auch als Werbeträger – und tragen so den „Monetarismus“ direkt aufs eigene Konto. 

Michael Jacksons „Thriller“ ist in jeder Hinsicht ein Epochenbruch, sowohl die Verkaufszahlen als auch die multimediale Umsetzung betreffend: Vorher gab es Super-, jetzt gibt es Mega-Stars. Auch Prince erkennt die „Signs ‚o‘ the Times“. 

Mit dem neu erfundenen Walkman macht das auch gleich viel mehr Spaß: Das Leben ist ein Film. Auf einmal rennt auch der Hipster ins Fitnesscenter: Die „Mucki-Bude“, einst im Umfeld von Zuhältern verortet, wird Volkssport: Plötzlich müssen auch Männer mithalten, seitdem die Calvin-Klein-Models überlebensgroß an Wolkenkratzern prangen. Bruce Webber und Helmut Newton färben die 80er schwarz-weiß – teils in Leni Riefenstahl nachempfundener Ästhetik.

Chromglänzend ist auch ein Umbruch der Produktivkraftentwicklung: Irgendwie gelingt es der Industrie, die Konsumenten davon zu überzeugen, sich ihre Vinyl-Sammlung gleich noch einmal auf CD zuzulegen. In Deutschland und Frankreich wird das Privatfernsehen eingeführt, doch während Canal+ die Filmproduktion staatlich gesteuert ordentlich ankurbelt, legt Leo Kirch seine Lederhosenpornos neu auf und schenkt dem „Mann von Welt“ die bunte SAT1-Kollektion. 

Ähnlich bunt industriell ist die Musikproduktion von Stock, Aitken & Waterman: Das ist zwar nicht neu, dass musikalische Massenware gefertigt wird, neu aber ist, dass man die Produzenten dafür feiert und zum Kult erklärt.

Bands wie Heaven17 thematisieren den Umschwung: Sie zeigen sich als Broker in Nadelstreifen auf ihren Plattencovern und kreiden den Dylans vor ihnen an, dass diese nie zugegeben hätten, dass sie natürlich Musik auch machen, um Geld zu verdienen. Was bei Sozialisten wie Heaven17 noch kritisch gemeint ist, wird frei von jeder Ironie binnen kurzem Mainstream. „Kommerziell“ gilt nur noch der schwindenden Menge der Indie-Freaks als Makel. Die Avantgarde erklärt Werbung zur Kunstgattung, und statt über Filz und Fett diskutiert man nun über das Layout von ID und The Face.


ARTE, 2009, 00:52

WELCOME TO THE 80s

5: GOTHIC, INDUSTRIAL & METALBEAT


In einer Zeit, die sich so gerne ganz der Schönheit, Mode und dem Stil verschreiben möchte, hinterfragen junge Musiker und Künstler die Rolle des Menschen und seiner Existenz nüchtern, sachlich, spaßfrei und grundlegend. In Manchester, Sheffield, Coventry, Berlin und natürlich London finden Bands wie Joy Division, Siouxie and the Banshees, Cabaret Voltaire, Throbbing Gristle und später Bauhaus, The Cure, The Jesus and Mary Chain oder Xmal Deutschland unterschiedlichste Ausdrucksformen, die empfundene Depression und Dunkelheit zu inszenieren.

"Gothic, Industrial & Black Metal" gibt sich den düsteren Seiten der 80er Jahre hin. Endzeitstimmung herrscht, man fürchtet die Apokalypse: Das Atomkriegsszenario wie auch die rasante Umweltzerstörung befördern die intensive Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Körperlichen. Einerseits verspielt, eine dunkle Glam-Rock-Variante im Fetischlook zelebrierend, andererseits mit allem Jenseitigen kokettierend, versammeln sich in Clubs wie dem Londoner Batcave zwielichtige Gestalten. Weiß geschminkt und schwarz gewandet träumen sie von Vampiren und Hexen und wabern zum Sound von Siouxsie and the Banshees, Bauhaus oder The Cure über die Tanzfläche. Man nennt sie Gothics oder Grufties - soweit das Klischee.

"Welcome to the Eighties" erforscht jedoch die Tiefendimension einer gleichermaßen umstrittenen wie bis heute eifrig adaptierten Jugendkultur. Einer musikalischen Vielfalt, die die Experimente der Postpunk- und Synthie-Ära radikalisiert. Killing Joke, die mit "Love Like Blood" und der Titelmelodie der Serie, "Eighties", einem äußerst kritischen Song über die Dekade, zentrale Hymen des Jahrzehnts schufen, kommen ebenso zu Wort wie Cabaret Voltaire, Mitbegründer des "Industrial"-Sounds oder die französischen Fetisch-Avangardisten des Industrial, Die Form. Denn die Grenzen zwischen den Genres sind fließend, und mit maschinell wirkenden Klängen werden die harten Seiten des späteren Techno in Industrial und Electronic Body Music vorweggenommen. Der Film lässt sich nicht schrecken und begibt sich auch tief hinein in die missverständliche und provozierende Welt des Black Metal, der mit satanistischen und okkulten Elementen spielt.

Und da Spannung aus Gegensätzen entsteht und Kontraste das Sujet erhellen, hat Autor Tom Theunissen auch Sydne Rome besucht, jene Aerobicikone, die in pink- und mintfarbenen Stretchklamotten das Volk zu Fitness verhalf. Ist doch die finstere Welt der Gothics, des Industrials und des Black Metals bewusster Gegenentwurf zu Tennisstirnband, Fitnesswahn und der Ellenbogenmentalität jener Zeit.

"Welcome to the Eigthies" ist die erste umfassende Darstellung der Entwicklung der Popmusik in den 80er Jahren. Fernab von Zauberwürfel und Chart-Show-Entertainment und ohne jeden Anspruch auf enzyklopädische Vollständigkeit vollzieht die Reihe in sechs Folgen die zentralen und qualitativ neuen, popkulturellen Strömungen der 80er Jahre nach - von der vom Punk initiierten, kreativen Explosion der frühen 80er bis hin zu einem neuen und bahnbrechenden Dancefloor-Geschehen rund um die House- und Acidszene. Dabei wird deutlich, wie stark wir heute von der Musik des angeblich so unkreativen Jahrzehnts beeinflusst und bestimmt werden.

Die Gliederung folgt einer lockeren Chronologie und orientiert sich an dominierenden Musikstilen. Die Erzählweise ist exemplarisch, nicht lexikalisch - sucht das Typische, Stilbildende, Anknüpfungsfähige, nicht das Solitäre. Im Mittelpunkt stehen das Selbstverständnis und die "Philosophie" der jeweiligen Szenen. In einer Kombination aus Zeitzeugeninterviews mit Protagonisten und "Machern", teils raren Archivmaterialien und aufwendigen Inszenierungen entsteht so das Panorama der Zeit, in der die Geschichte unserer Gegenwart geschrieben wurde.


ARTE, 2009, 00:52

WELCOME TO THE 80s

6: HOUSE-NATION & ACID-PARTYS


Ob zu Hi-NRG, Chicago House, Acid House, Italo Disco, Freestyle oder Techno - auf der ganzen Welt wird getanzt. Die DJs werden zu Göttern, der Remix selbst wird zur Kunstform erhoben. "Pump up the Volume" von M/A/R/R/S ist der erste nur aus Samples entstandene Welthit - eine Revolution. Spätestens mit Acid House schwappt die House-Welle auch nach Deutschland. Neben dem lustigen Smiley-Sticker halten jedoch auch neue Drogen wie Ecstasy Einzug in die Clubs.

"House-Nation und Acid-Partys" zeigt, dass das "Disco Sucks"-Movement Ende der 70er Jahre dem Sound keineswegs den Garaus machen konnte. Hi-NRG, Chicago House, Acid House, Italo Disco, Freestyle oder Techno sind allesamt Fortsetzungen von Disco mit neuen Mitteln.

Die DJ-Culture wird zur treibenden Kraft der 80er. In New York sind es die Clubnächte im Paradise Garage, die das neue Jahrzehnt einläuten. House-Urvater Frankie Knuckles erntet später im Chicagoer Warehouse erste Lorbeeren, bevor er New York im Sturm erobert. Die DJ-Culture der Dance- und Hip-Hop-Kulturen ist noch nicht strikt voneinander geschieden.

Afrika Bambaataas Vorliebe für Kraftwerk führt dazu, dass ein neues Genre geboren wird: der Electro. Deren Protagonistin Shannon gibt Konzerte mit Rapgrößen wie Run DMC. Ihr Song "Let the Music Play" verkauft sich acht Millionen mal weltweit.

In England bringt der Produzent Ian Levine den Hi-NRG-Sound in die Charts. Evelyn Thomas singt die dazugehörige Hymne - kein großer Techno-DJ der späteren Jahre, der nicht vom Hi-NRG-Sound geprägt wurde. Selbst die Pet Shop Boys lassen Bobby O., einen der Meister des Hi-NRG-Sounds, die erste Single "West End Girls" produzieren.

Divine schockiert mit Songs wie "Shoot Your Shot" und wird zur Discodiva der etwas vulgäreren Art. Aids sorgt besonders in New York für Trauer in der Clubszene. Italo Disco läuft nicht nur in europäischen Clubs und im New Yorker Devil's Nest sorgt der Freestyle Sound für Furore.

In Detroit und Chicago werden House und Techno geboren. Der Remix avanciert zur Kunstform. Die Technik des Sampelns ermöglicht eine musikalische Revolution. "Pump up the Volume" von M/A/R/R/S ist der erste, nur aus Samples entstandene Welthit. Spätestens mit "Acid House" schwappt die Housewelle über England auch nach Deutschland und wird zum neuen Prototypen des Szeneevents. Neben dem lustigen Smiley-Sticker halten jedoch auch neue Drogen wie Ecstasy Einzug in die Clubs.

Frank Ilgener zeigt, wie der Dancefloor die Rockstarpose einmal mehr beerdigte. Zwar sind auch die DJs Stars. Im Mittelpunkt jedoch steht der Tänzer. Statt frontaler Darbietung machen alle mit - und die Funktion, tanzbar zu sein und mitzureißen, dominiert den ästhetischen Eigenwert des Songs. Für die einen der totale Niedergang der Popmusik - für andere der Aufbruch in ein neues Jahrzehnt.


ARTE, 2009, 00:52

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