11.10.2019

Die Erfindung der Club-Musik. Ein Sound, der nicht alt werden will. Und Texte, die wieder sehr aktuell sind: 

„Have you heard it on the news … Evil men with racist views … Europe’s an unhappy land …“. 

Live eine echte „Temptation“.


KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

im Journal Frankfurt LIVE! 

Nr. 21-2019, 11.10.-24.10.2019


1978 erschien die Single "Being Boiled" von The Human League. Ein mystischer, rein elektronischer New Wave Song, geschrieben unter anderen von Ian Craig Marsh und Martyn Ware, den späteren Gründern von Heaven 17. Unabhängig davon, dass es New Wave noch gar nicht richtig gab und dass statt den im Songtext gar nicht vorkommenden Wörtern "Being Boiled" jeder den Satz "Listen to the voice of Buddha" kennt, war im Juni 1978 klar, wo die Reise der elektronischen Musik gehen sollte. 


1980 verließen Ian Craig Marsh und Martyn Ware The Human League und gründeten mit  Sänger Glenn Gregory Heaven 17. Der Name stammt aus Stanley Kubricks Film "A Clockwork Orange" (1972) in dem Heaven 17 eine fiktive Popgruppe war. Im September 1981 erschien dann das Album "Penthouse And Pavement" und im Grunde war damit die Messe in Sachen Synthie-Pop bereits gelesen. 


Die nicht mehr ganz so jungen Leser werden sich vielleicht noch an die Zeit erinnern, als man vom Plattenladen mit dem ganz neuen Ding nach Hause kam, sich mit Freunden auf den Boden setzte und ohne ein Wort zu sagen ein Album nur durch das Umdrehen von der A- auf die B-Seite unterbrochen, komplett durchhörte. Mehrfach! Diese Platte war so eine. Spätestens ab da ließ einen dieser Sound nicht mehr los, und AC/DC, Kiss und Supertramp waren Geschichte. Den damals 14-jährigen Autor lässt der Sound übrigens bis heute nicht mehr los. 


Highlights des Albums waren "(We Don't Need This) Fascist Groove Thang", "Geisha Boys And Temple Girls", "Let's All Make A Bomb" und "The Height Of The Fighting". Hier fanden auch viele 12 Inch Maxi-Single-Sammlungen ihren Ursprung, da es jede Auskopplung in Form von Extended Versions und Remixen gab, damals aber noch ohne Fremd-Remixer. Wegen des politischen Textes von "(We Don't Need This) Fascist Groove Thang", der Faschismus und Rassismus als von Englands Premier Ministern Margaret Thatcher und US President Ronald Reagan initiierte Modeerscheinung kritisiert, landete dieser Titel auf dem Index der BBC.


Interessant an Heaven 17 ist, dass dieser frühe Techno-Vorläufer nicht etwa aus London kam, beeinflusst von allem rund um die New Romantic Blitz-Club-Szene, sondern aus Sheffield. Den sogenannten "Sheffield-Sound" prägten unter anderem auch Gruppen wie die besagten Human League aber auch ABC, Cabaret Voltaire oder Pulp. Wer sich für diese Wurzeln interessiert, dem sei die DVD: "Made In Sheffield. The Birth Of Electronic Pop." (2005) sehr ans Herz gelegt.


Während sich The Human League ähnlich wie Depeche Mode und viele andere dieses Genres zukünftig eher dem poppigeren Synthie-Sound verschrieben, bleiben Heaven 17 immer etwas "technoider". Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Heaven 17 zwar in allen Clubs lief, aber nur mit "Temptation" 1983 in den deutschen Charts (Platz 11) vertreten war. Neben diesem Hit enthielt das im April 1983 erschienene Album "The Luxury Gap" weitere erfolgreiche Singles wie "Let Me Go", "Come Live With Me" und "We Live So Fast".


Heaven 17 war bis Ende der 90er Jahre nie eine Live- sondern eine reine Studioband. Erst im Jahr 2010 wurde das erste Album "Penthouse And Pavement" erstmals live präsentiert. Die Premiere fand in der Gründungsstadt Sheffield statt (Foto) und war der Beweis, dass Live-Auftritte von in die Jahre gekommenen, rein elektronischen Bands eine ganz neue Erfahrung sein können, da dieser Sound nie alt wird. Durch Quantensprünge in Sachen Technik und Live-Sound im Laufe der letzten Jahrzehnte ist der Klang der damals oft auf Kompaktanlagen gehörten Alben heute eine Offenbarung.


Wer Heaven 17 live erleben will, könnte das theoretisch am 08.12.2019 in Frankfurt im Das Bett, leider bereits ausverkauft. Alternativ besteht die Möglichkeit am 09.12.2019 in Mannheim im Capitol. Die Deutschland-Tour wird aber im April 2020 fortgeführt.


Für Fans erschien im März 2019 die CD-Box "Play to Win: The Virgin Years" (156 Titel, alle Alben, alle Remixe); ebenfalls sehr empfehlenswert.


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