08.11.2019

Orchestral Manoeuvres in the Dark – inspiriert von Kraftwerk, inspirierend für Depeche Mode, immer unterschätzt.


KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

im Journal Frankfurt LIVE! 

Nr. 23-2019, 08.11.-21.11.2019


Die englische BBC schrieb einmal, dass Orchestral Manoeuvres in the Dark immer intellektueller waren als vergleichbare Bands wie Duran Duran oder Eurythmics. Das sollte wohl auch der etwas sperrige Name von vornherein klarstellen. Aber spätestens 1983 entschieden Orchestral Manoeuvres in the Dark mit dem Album "Dazzle Ships", sich (meistens) auf die Abkürzung OMD zu beschränken. Aus Konsumenten- und Marketing-Sicht eine gute Entscheidung. Da gab es OMD aber schon fünf Jahre. 


Andy McCluskey und Paul Humphreys kennen sich schon aus Grundschulzeiten und gründeten die Band bereits 1978 in der Nähe von Liverpool. Sie waren stark beeinflusst von Kraftwerk, die verrät auch der Name ihres zweiten Albums "Organisation". Denn bevor Kraftwerk zu Kraftwerk wurde, hieß das Projekt 1970 (deutsch) Organisation. Passend dazu schrieb ein Journalist des englischen Magazins Scotsman, wenn Kraftwerk der Elvis Presley des Synthie-Pop war, dann waren OMD es der Beatles. McCluskey und Humphreys wurden auch schon als die Lennon-McCartney des Synthie-Pop bezeichnet. 


Ganz sicher ist OMD eine der unterbewertetsten Formationen der Synthesizer-Musik der 80er Jahre. Im wahrsten Sinne des Wortes sind es für viele bis heute Manöver im Dunkeln geblieben, obwohl sicher jeder die Titel "Enola Gay" (1980), "Souvenir" (1981), "Maid of Orleans (The Waltz Joan of Arc)" (1981), "So in Love" (1985) "Secret" (1985) oder "Walking On The Milky Way" (1996) kennt. Sie sind im Grunde die wahren melancholischen Neo-Romantiker der elektronischen Popmusik, die schon zwei Jahre vor ihrem ersten Album 1978 als Vorgruppe von Gary Numan auf England-Tour gingen. Ironischerweise war selbiger dann knapp drei Jahrzehnte später Vorgruppe von OMD. Depeche Mode gab es noch nicht, aber der Mitbegründer und Hitschreiber Vince Clarke, der nach dem frühen Weggang von Depeche Mode u.a. die Formationen Yazoo und Erasure gründete, machte keinen Hehl daraus, dass die Frühwerke OMDs der Grund dafür waren, sich einen Synthesizer zuzulegen und elektronische Musik wie sie zu produzieren. Die B-Seite der ersten OMD Single "Electricity" (1979) namens "Almost" erscheint übrigens in diesen Tagen als streng limitierter Vince Clark Remix.


Immerhin haben OMD zwischen 1980 und 2017 dreizehn Alben veröffentlicht und sich zwischenzeitlich schon 1983 mit dem Album "Dazzle Ships" vom reinen Synthesizer-Sound zurück zu akustischen Klängen orientiert. Eine Zeit, in der andere erst anfingen elektronische Musik überhaupt wahrzunehmen. Für die ersten Cover-Designs war der Factory Label Gestalter Peter Saville zuständig, der später u.a. das weltberühmte "Blue Monday" Cover (Floppy Disc in 12 Inch-Form) gestaltete. Musikalisch unterstützt wurden OMD ab 1985 durch den Produzenten Stephen Hague, der schon für die kommerzielle Tanzmusik der Pet Shop Boys, Erasure, New Order oder The Communards verantwortlich zeichnete. Die Popwelt war damals auch in England noch ziemlich klein, für uns Festland-Europäer aber schon ein undurchdringbarer Mythos. Passend zu dieser kleinen Welt war Paul Humphreys zwischen 2013 und 2016 mit Claudia Brücken (ehemalige Sängerin von Propaganda) liiert.


Eine bemerkenswerte Anekdote begleitete 1980 die Antikriegs-Single "Enola Gay", die natürlich den gleichnamigen B-29-Bomber und den Abwurf der ersten Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima thematisierte. Die Single kam teilweise auf den Index der englischen Radiosender, da man annahm, es handele sich um die sexuelle Orientierung der Gruppe. Intellektuelle Popmusik war wohl noch fremd. Die zukünftigen eigenen Kriegserfahrungen hatten England und Margaret Thatcher mit dem Falkland-Krieg ja auch noch vor sich.


1988 löste sich OMD auf und vereinigte sich 2005 nach einigem Hin und Her wieder. Anlässlich des 40-jähriges Jubiläums ist OMD aktuell auf Tour und hat vor ein paar Monaten das umfangreiche Deluxe-Box-Set "Souvenir" inkl. fünf CDs, zwei DVDs und einem Buch veröffentlicht, in dem die Geschichte OMDs von den Anfängen als Garagenband bis hin zu den aktuellen Tourneen erzählt wird.


Anlässlich "Souvenir – OMD 40 Years" gibt OMD sein letztes Deutschland-Konzert dieser Tour am 06.12.2019 in der Jahrhunderthalle in Frankfurt.


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