03.01.2020

Ist es von Vorteil, Musik aufgrund fehlender Fremdsprachen-Kenntnisse nicht verstehen zu müssen? In jedem Fall regt dieser Mangel die Fantasie an, weswegen Clubmusik von Sounds lebt anstatt von bedeutungsschwangeren Lebensweisheiten.


KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

im Journal Frankfurt LIVE! 

Nr. 01-2020 03.01.-16.01.2020


Als man klein war und der englischen Sprache noch nicht so mächtig, lag es in der Natur der Sache, englische Liedtexte nicht zu verstehen, sondern Gesang eher als einen (unverständlichen) Teil der Musik wahrzunehmen. Wenn später die lieb gewonnenen Titel durch das Erlernen einer Fremdsprache zumindest teilweise eine inhaltliche Bedeutung bekamen, konnte das auch gleichzeitig eine ziemliche Ernüchterung sein. Denn unter Umständen entsprach der Text bzw. sein Inhalt so gar nicht der Fantasie, die man früher zu den Klängen und erst recht zu den Sängerinnen und Sängern hatte. 


Passend dazu sagt Axel Hacke in seinem Buch-Mehrteiler „Der weiße Neger Wumbaba“, dass „kaum ein Mensch je einen Liedtext richtig“ verstehe und diese wohl überhaupt nur dazu da seien, „den Menschen Material zu liefern, damit ihre Fantasie wirken kann“. In seinen Büchern gilt das allerdings auch für missverstandene deutsche Texte. 


Im Grunde kann man froh sein, englische Texte nicht verstehen zu müssen, um somit unter Umständen ein ganz anderes Verständnis für Kompositionen zu haben. Gesang erzeugt vielleicht ein ganz anderes Gefühl als es ein Text könnte. Selbst wenn man mittlerweile englische Texte verstehen würde, kann man sie als deutscher Muttersprachler einfach ignorieren. Und schon hört sich ein englischer Schlagertext im Gegensatz zu musikalisch ähnlichen deutschen Schlagern authentisch und cool an. Insofern kann es auch heute noch eine große Enttäuschung sein, wenn man genau hinhört. 


Diese Chance haben Hörer mit englischer Muttersprache nicht. Sie müssen hinhören. Alle anderen sind klar im Vorteil und können trotz unterirdischer Texte die Titel rein musikalisch und unbeeinflusst von störenden Strophen wahrnehmen. Eine sehr gewagte Behauptung wäre, dadurch automatisch ein besseres Verständnis für Musik zu haben. Trotzdem vielen Dank für dieses Privileg.


Es soll aber Menschen geben, die Musik ausschließlich über das Verstehen der Texte hören, beurteilen und dann eben mögen oder nicht. Für sie ist also der Inhalt von größter Bedeutung. Die Message. Das ist in Bezug auf bestimmte Schlager-Genres umso verwunderlicher und wirft nicht unbedingt ein gutes Licht auf das Potential der jeweiligen Fantasie. In jedem Fall kann man wohl sagen, dass die Anhänger der Musik mit Schwerpunkt Message ihren gemeinsamen Nenner über die textlichen Inhalte haben. Der gemeinsame Nenner ist in vielen Fällen dann wohl auch: das Radioprogramm.


Clubmusik ist der exakte Gegensatz dazu. Der Erfolg dieser Musik in den entsprechenden Locations basiert sicher auf der Tatsache, dass Musik dort über die reine Interpretation, also die Fantasie, die tanzenden Gemeinde verbindet. Sie will nichts aussagen. Die überall zu verstehende, völkerverbindende, Sprache – ohne Sprache. The universal language.


Alle fühlen irgendwie das Gleiche, ohne durch Texte von diesem Gefühl abgelenkt zu werden. Vocals werden bei House, Trance und Techno eher nur als Effekte eingesetzt, die die Mystik der Sounds unterstreichen sollen. Man kann sich komplett in diesen Klängen verlieren. Dazu ist der Club und eine gleichgesinnte Community der beste Nährboden.


Hier überwiegen die extended Instrumental- oder Dub-Versionen der überflüssigen full vocal A-Seiten. Der Sound steht im Vordergrund. Sehr oft gibt es von vornherein nur Instrumental-Versionen, weil sie nur für einen Zweck produziert werden. Den Club.


In wenigen Fällen gibt es aber auch eine gegensätzliche Entwicklung, und nach dem Erfolg einer Instrumental-Version im Club textet man irgendwas über die Spuren, um auch eine Chance im Radio zu haben. Die Plattenfirma macht Druck. Der Hit lässt Jahre später dann vergessen, dass das Ding schon lange im Club läuft. Nun geht der Late-Mainstream zum DJ und fragt, warum er denn so eine komische Version spiele. Da fehlt ja der Gesang.


Instrumentalmusik folgt im Übrigen einer sehr bekannten Tradition, der klassischen Musik. Interpretation im Kopf, die verbindet.


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