12.09.2019

Von kreativer Abwechslung zur quälenden Banalität. Die Wesensveränderung in der Musik


KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

im Journal Frankfurt LIVE! 

Nr. 19-2019, 12.09.-25.09.2019


Als musikinteressierter Konsument fragte man sich in früheren Jahrzehnten praktisch jedes einzelne Jahr: Was kommt danach? Die Frage basierte jedes Mal auf der Annahme, dass der Höhepunkt an Kreativität jetzt ja erreicht sein musste, es kann mit guter Musik also nur bergab gehen. Und dann kam immer wieder eine neue Entwicklung, ein neuer Sound und neue Ideen, die sich maßgeblich von den Vorgängern unterschieden.

Obwohl die letzte echte musikalische Revolution mit Punk in den 70ern stattfand, indem man praktisch alles ignorierte, was es vorher gab, wechselten sich mehr oder weniger innovative Musikgenres in den 80ern quasi im Zweijahrestakt ab. Allerdings war auch hier schon erkennbar, was später zum Rezept für neue Musik wurde. Man bezog sich fast ausschließlich auf das schon Dagewesene. 

Auch wenn man sagen könnte, dass die 80er das Jahrzehnt waren, in dem Pop den Rock verdrängt hat, gab es in nur zehn Jahren klar wahrnehmbare, sehr unterschiedliche musikalische Entwicklungen, die ausgehend von der Club-Kultur auch regelmäßig die vordersten Plätze der Charts bestimmten.

Lässt man das immerwährende Grundrauschen von z.B. Rock, Heavy Metal, Soul oder R&B mal außen vor, wechselten sich auch im Mainstream folgende Genres chronologisch voneinander ab:

Post-Punk (Ende der 70er bis in die frühen 80er) mit z.B. P.I.L. („This Is Not A Love Song“), Joy Division („Love Will Tear Us Apart“).

New Wave (Ende der 70er bis Mitte der 80er) mit z.B. The Police („Message In A Bottle“), Talking Heads („Once In A Lifetime“), Gary Numan („Are "Friends" Electric“).

Synthie-Pop (Anfang der 80er bis Mitte der 80er) mit z.B. Human League („Being Boiled“, „Don’t You Want Me“), Visage („Fade To Grey“), Depeche Mode („Just Can’t Get Enough“).

House-Sound (Mitte bis Ende der 80er) mit z.B. Steve "Silk" Hurley („Jack Your Body“), Farley "Jackmaster" Funk („Love Can’t Turn Around“).

Acid-House (Mitte bis Ende der 80er) mit z.B. D Mob („We Call It Acieed“), Humanoid („Stakker Humanoid“).

Das Jahrzehnt endete mit den ersten kommerziellen Erfolgen neuer Genres wie Rave, Techno und Trance sowie Hip Hop, die die kommenden Jahrzehnte in Sachen Tanzmusik bestimmen sollten. Nicht erwähnt sind die unzähligen Untergenres der jeweiligen Richtungen oder z.B. die in Deutschland Anfang der 80er stattfindende Neue Deutsche Welle.

Die Charts waren in diesem Jahrzehnt voll von unverwechselbaren Hits, die bis heute einen Pool für unzählbare Cover-Versionen zur Verfügung stellen. Außerdem berufen sich ganze Jugendkulturen immer wieder musikalisch auf diese Vergangenheit. Ziemlich undenkbar, dass sich in den 80ern oder 90ern eine Jugendkultur mehrheitlich auf die Musik der 50er oder 60er Jahre bezieht. 

Zumindest gefühlt hat sich die Entwicklung schnell abwechselnder Musikgenres ab Mitte der 90er dahingehend verändert, dass man vielleicht im Rhythmus von zehn Jahren grundsätzliche Veränderungen feststellen könnte. Dementsprechend hat man das Gefühl, dass die letzten Jahrzehnte weitaus weniger all-time-classics hervorgebracht hat, als das früher der Fall war; auch ohne unbedingt die Plattitüde „heute klingt alles gleich“ bemühen zu müssen. Auf welche Musik wird man sich also in 20 bis 30 Jahren beziehen, wenn es kaum erkennbare Genreunterschiede und wenig nachhaltige Hits gibt? 

Die These, es wird immer (gute) Musik geben, ist sicher richtig. Durch die veränderte Wahrnehmung von Musik als immerwährendes, ablenkendes Hintergrundrauschen und das Fehlen von wegweisenden, kommerziell erfolgreichen Konzeptalben und -künstlern, hat sich das generelle Wesen von Musik fast unbemerkt radikal verändert.

Was kommt danach?


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