28.02.2019

Wenn man Subkulturen fördern wollte, wäre das so, als wenn man in den 70ern Punk finanzielle unterstützt hätte.


KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

im Journal Frankfurt LIVE! 

Nr. 05-2019, 01.-14.02.2019


Es gibt eine einfache Erklärung, warum die Kultur der Clubszene stirbt. Der Weg von stilprägenden Subkulturen über wahrnehmbare Kulturen zum kommerziellen Mainstream ist in der Regel immer ähnlich und im digitalen Zeitalter noch deutlich erklärbarer. So wie weltweit gilt auch für die Frankfurter Clubkultur, dass die Grundlage für deren Existenz eine interessierte Zielgruppe ist. Auf Musik bezogen also Menschen, die offen für neue Sounds sind. Mit dem Wissen, eine exklusive, und sich vom Radio abgrenzende Musik neu zu entdecken, ging man in Clubs, nicht in Discos. Vorerst der einzige Ort, um die neue elektronische Musik zu konsumieren. Man fühlte sich als Teil einer Revolution und fragte den DJ regelmäßig nach den gespielten Tracks, welches der einzige Weg zu dieser Information war. Es entwickelte sich eine Art Identifikation mit einem bewußt abgrenzenden Lebensgefühl. Interessanterweise konnten sich dort sogar Trends entwickeln, als es noch eine Sperrstunde von maximal 2 Uhr gab.


In Zeiten von pausenloser, digitaler Dauerberberieselung, und der Suggestion einer maximalen Vielfalt an Musik, ohne zu wissen, welcher Algorithmus sie steuert, fällt es sicher schwer, sich als Teil einer Revolution zu fühlen. Und man weiß auch gar nicht weiß, warum man das sollte. In jedem Fall kennt und hat man aber schon alles, und der Club ist keine Adresse mehr, um auf Entdeckungsreise zu gehen. Heute kommt man mit einem oft stilistisch völlig unpassenden Wunschzettel (s.u.) selbst zu renommierten DJs. Besser noch: Man fragt versehentlich den Lightjockey, da der sich in seiner Arbeit am Laptop kaum noch vom DJ unterscheidet. Das führt dann dazu, dass Clubs, die früher die Adresse für neue Sounds waren, heute mangels Gästen freitags eine 2000er und samstags eine Ü40 Party veranstalten.


Interessanterweise hat sich die Club- und DJ-Kultur in den letzten 40 Jahren einmal um 360 Grad gedreht. In den 70ern waren Clubs die Anlaufstelle um das zu hören, was im Radio und einschlägigen TV-Musiksendungen lief, und der DJ war ein schlecht bezahlter Dienstleister. Heute spielen die sogenannten Top DJs auf Konzerten und Festivals, die rein gar nichts mehr mit einer DJ-Kultur zu tun haben, und die Gäste kommen wegen dem Feuerwerk, aber sicher nicht wegen der angeblich einzigartigen Musik. In den Clubs legen heute stattdessen wieder Resident-DJs auf, da sich teure Gast-DJs kaum noch rechnen.


Eine Umkehr dieser Entwicklung ist kaum denkbar, da es einfach zu wenig Individualisten gibt, die sich der bequemen Freihaus-Beeinflussung durch Shazam-, Spotify-, Siri- oder Alexa-Vorschläge entgegenstellen, sondern gegen den Strom schwimmen und selbst auf die Suche gehen.


Was genau sollte in dieser Hinsicht eine Städtische Förderung von Clubs bringen, wenn es keine Interessierten für eine solche Pionier-Kultur gibt? Eine Kulturförderung bringt in erster Linie etwas für die Kulturschaffenden. Damit die daraus entstehende Kultur lebendig wird ist eine offene Zielgruppe die Voraussetzung. Das wäre ungefähr so, als würde man einen Umsturz finanziell fördern, von dem man noch gar nicht weiß, dass es ihn überhaupt geben wird. Das Hamburger Beispiel „Live Concert Account“ bezieht sich eher auf kleine Clubs für Live-Musik, wo so etwas auch sinnvoll ist. Bewegungen, die aber von einer DJ orientierten Clubkultur ausgehen, müssen einfach passieren, weil die Zeit dafür reif ist und mehrere Faktoren zusammenkommen, um eine authentische und neue Bewegung zu initiieren. Mitte der 70er Jahre war die Grundaussage von Punk: „Vor uns war alles scheiße, wir machen alles anders“. Die letzte Bewegung dieser Art. Kaum vorstellbar, dass das finanziell gefördert worden wäre.


Wichtiger als die romantischen Gedanken an die Vergangenheit im Vogue, Dorian Gray oder Omen, wäre das kulturelle Erbe der Clubkultur, besonders mit dem geschichtlich relevanten Schwerpunkt Frankfurt, in Form des Museum-Vorhabens MOMEM konsequenter zu kuratieren und neue Clubkulturen stattdessen unbeeinflusst entstehen zu lassen.


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