20.10.2022

Fünfzig Euro mehr in zehn Sekunden, aber keine zehn Euro gegen das Clubsterben



KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

im Journal Frankfurt LIVE! 

Nr. 21-2022, 20.10.-02.11.2022


Tour 2023: Beim Konzertkartenkauf muss man generell Nerven bewahren, zudem sind gute Informationen nicht unwichtig, denn die Karten sind auf diversen Plattformen an unterschiedlichen Tagen und Uhrzeiten erhältlich. Keine Chance auf FOS1-Tickets (front of stage). A Question Of Time!


Interessant beim Verhältnis der Anzahl von Ticketsuchenden zum Angebot ist die Bereitschaft, in Sekunden vom anvisierten 100 Euro-Stehplatzticket mangels Verfügbarkeit zum 150 Euro-Sitzplatzticket zu wechseln. Oder – noch gravierender – gleich ganz den Veranstaltungsort zu wechseln, also eine Fahrt in einen locker 400 Kilometer weiter entfernten Veranstaltungsort mit einzukalkulieren. Just Can't Get Enough!


Und das alles aufgrund der Basis einer nicht zu durchschauenden IT des jeweiligen Ticketanbieters. Im Minutentakt verwirren die Mitteilungen über angebliche Nichtverfügbarkeiten trotz ausgewählter Tickets bis zu Fehlermeldungen beim Kaufabschluss. Nicht selten landet man dann wieder bei der Städteauswahl – also quasi ganz am Anfang des Kaufs bzw. am Ende der Warteschlange. Konnte man dann wirklich Tickets auswählen (was bedeutet, so gut wie auf dem Konzert zu sein), kann man nur ein einziges Ticket dem Warenkorb hinzufügen. Fehlermeldung. Gehen Sie zurück auf Los. Only When I Lose Myself!


Aus lauter Panik kauft man dann alles, was irgendwie zu bekommen ist, um am Folgetag festzustellen, dass in der ursprünglichen Wunschstadt um die Ecke ein Zusatzkonzert stattfindet. It's No Good!


Die künstliche Verknappung führt zu irrationalen Handlungen. Aber was tut man nicht alles für die Götter. Strangelove!


Zwei Tage lagen zwischen der Ankündigung der Tour und dem Beginn des Vorverkaufs, der dann bis zum Fast-Ausverkauf nur circa einen Tag brauchte. Weltweit 42 Konzerte mit durchschnittlich 50.000 Gästen für durchschnittlich 100 Euro ergibt einen Umsatz von ca. 210 Millionen Euro. Und das, obwohl die Tickets im Vergleich zu manch anderen Künstlern nicht mal wirklich teuer sind. Eine stolze Bilanz. More Than A Party!


Schade ist in diesem Zusammenhang aber die Tatsache, dass sich Clubs und Veranstaltungen mit einem hochkarätigen Veranstaltungsangebot und guten DJs oft dem Vorwurf der potentiellen Zielgruppe konfrontiert sehen, die zehn Euro Eintritt seien etwas zu teuer. Wobei der Künstler aus 10 und nicht 300 Metern Entfernung zu sehen ist. Natürlich hinkt der Vergleich schon alleine aufgrund der Tatsache, dass eine Band wie Depeche Mode seit fünf Jahren nicht mehr auf Tour war. Auf der einen Seite befriedigen wir die Gewinnsucht der Aktionäre von börsennotierten Großunternehmen wie Live Nation, und gleichzeitig treiben wir die Vertreter der Subkultur nebenan – aus der 1980 Depeche Mode selbst einmal kamen – in den Ruin. Ein ambivalentes Verhältnis zur (Live-)Musik. Condemnation!


Wer weiß eigentlich noch, wie die Tour und das Album heißen, welches 2023 von Depeche Mode erscheinen wird? Richtig: „Memento Mori World Tour“ („Gedenket der Toten Welt Tour“). Rest In Peace Andrew John Leonard Fletcher. Enjoy The Silence!


P.S.: Ich gehöre übrigens seit 1982 zu oben erwähnter Gruppe der Erstkäufer, wobei besagtes Konzert vom 08.12.1982 in Darmstadt (Abb.) aufgrund angeblich zu kleiner Bühne leider ausfiel und man schon im führerscheinlosen Alter auf eine andere Stadt ausweichen musste. Little 15!


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