25.08.2022

Wer hört sich einen Vortrag über die Ursprünge der Club-Sounds an? 

Und warum?


KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

im Journal Frankfurt LIVE! 

Nr. 17-2022, 25.08.-17.09.2022


Im Namen meines Projektes hielt ich im ausverkauften Museum Of Modern Electronic Music (MOMEM) einen von Markus Philipp vom Hessischen Rundfunk moderierten Vortrag zu diesem Thema. Der Vortrag verlief zeitweise als Podiumsdiskussion unter Einbeziehung des Publikums und mit Wortbeiträgen u.a. von Gerd Schüler (Gründer des Dorian Gray) und Talla 2XLC (Gründer des Techno Club).


Junge Menschen könnten es auch so sehen, dass ewig gestrige, alte, weiße Männer nicht müde werden, darauf hinzuweisen, die elektronische Musik erfunden zu haben und nicht die, die mehr oder weniger electronic music natives sind, das aber immer noch als modern empfinden. Irgendwie ist wohl beides richtig, und man muss sich fragen, was denn nun die eigentliche Intention einer solchen Reise in die Vergangenheit des elektronischen Teils der Musik ist. 


Die Akribie des Zusammensammelns der Fakten für den Vortrag warf erst im Nachhinein die Frage auf, warum die Revolutionen in der Club-Musik seit Langem ausbleiben. Fakten von der Pianola, dem ersten durch Lochkarten und ohne menschlichem Zutun betriebenen Klaviers (1895), über Karlheinz Stockhausen, der in der 50ern als erster mit zweckentfremdeten Sinuswellengeneratoren und Tonbandmaschinen experimentierte, bis hin zur sich in den 80ern parallel zum New Wave entwickelnden Club- und DJ-Kultur..


Auch wenn der Vergleich hinkt, ist es interessant, dass uns seit dem von Andreas Tomalla (Talla 2XLC) 1984 gegründeten Techno Club heute mehr oder weniger noch das gleiche Genre als Subkultur verkauft wird. Das wäre in etwas so, als wenn wir 1988 noch zur Musik von 1950 getanzt hätten. Dazwischen gab es aber zwei musikalische Erdbeben. Der schnell gespielte Rock’n’Roll alias Punk, der zum Motto hatte, alles davor komplett zu ignorieren, und die Entwicklung der elektronischen Musik, mit der die moderne Club-Kultur und der DJ als Master Of Ceremony überhaupt erst möglich wurden.


Erfreulicherweise waren im MOMEM auch viele jüngere Zuhörer anwesend, die sich von den vielen selbsterklärenden Soundbeispielen dahingehend beeindrucken ließen, dass schon etwas dran ist, dass wir durch die Digitalisierung seit Jahrzehnten in eine Retromanie verfallen, die sich immer auf jenes bezieht, was es schon einmal (erfolgreich) gab. 


Digitalisierung meint hier elektronische Musik, die heute für ein paar Euro am Laptop produziert werden kann, die Parameter eines guten DJs mittlerweile nicht mehr der Inhalt, sondern das eigene Aussehen und die Menge der Klicks bei TikTok sind, und einem die Wahl der Lieblingsmusik von Streamingdiensten abgenommen wird. So von privatwirtschaftlichen Unternehmen in Watte gepackt und fremdbestimmt, lässt ein echter Wandel wohl erstmal auf sich warten.


In gewisser Weise war der Vortrag also auch ein Hinweis an das Bewusstsein der jungen Generation, öfter ebenfalls alles zu vergessen, was es vorher gab und sich ohne Smartphone so lange zu langweilen, bis neue Ideen und Innovationen kommen. 


Weitere Vorträge sind in Planung. Fest steht schon der 16.12.2022 in der Centralstation Darmstadt.


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