05.07.2022

Pandemie, Krieg, Inflation – Die Veranstaltungskultur wird sich gravierend ändern – von der Club-Kultur ganz zu schweigen.


KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

im Journal Frankfurt LIVE! 

Nr. 13-2022, 05.07.-18.07.2022


Sommer 2022: Es ist die Zeit, all das nachzuholen, was in Sachen Veranstaltungen zwei Jahre lang nicht ging. Die Prognosen waren rosig, und überall gibt es Festivals. Nur wenige sahen schon früh die Schatten dessen, was zu erwarten sein wird.


Manche Parameter für einen Kollaps sind kein Geheimnis, von einigen können nur Insider berichten. 2020 und 2021 sind über 100.000 Veranstaltungen verschoben worden und treffen nun auf die, die regulär für 2022 angesetzt sind. Das führt dazu, dass die Bühnentechnik aufgrund der hohen Zahl gleichzeitig stattfindender Veranstaltungen nur zu überteuerten Preisen und aus anderen Ländern zu mieten ist oder gar nicht. Außerdem wissen viele nicht, wo sie aufgrund der geschobenen Tickets der letzten zwei Jahre zuerst hingehen sollen.


Viele Großveranstaltungen sind ausverkauft, aber die meisten vor allem der kleineren Festivals sind es – anders als vor der Pandemie – bei weitem nicht. Ausverkauft bedeutet aktuell aber auch nicht, dass noch schwarze Zahlen geschrieben werden können, denn die Ticketpreise vor zwei Jahren decken sich nicht mehr mit den teils doppelt so hohen Infrastrukturkosten von heute. Vor allem mangelt es an Personal für Sicherheit, Auf- und Abbau, Ton, Licht und Tournee-Begleitung. Die unsicheren Zeiten führten zum Jobwechsel. Schätzungen zufolge fehlen der Veranstaltungsbranche 1,1 Millionen Fachkräfte, die auch nicht wiederkommen werden.


Die zusätzliche Kostensteigerung durch höhere Energiepreise, Inflation und der Lieferkettenengpässe führt zu einem nicht zu lösenden Dilemma. Zum Beispiel kostete ein Duschcontainer in 2019 noch 2.000 Euro, dieses Jahr beläuft er sich auf 6.000 Euro. Selbst bekannte Großveranstaltungen haben alle Künstler darum gebeten, auf 20 Prozent ihrer Gagen zu verzichten, die im Übrigen im Schnitt die gleichen blieben wie vor Corona.


Gleichzeitig hat die Politik umfangreichere und damit teurere Sicherheitskonzepte eingeführt; unter anderem eine langfristige Folge des Love Parade-Unglücks 2010. Auch der Klimawandel führte dieses Jahr durch die schon im Juni andauernde Hitze dazu, dass ein etabliertes Festival für elektronische Musik wegen Waldbrandgefahr zwei Wochen vorher abgesagt werden musste.


Darüber hinaus schätzt man, dass 30 Prozent aller Ticketinhaber nicht zu den Konzerten und Veranstaltungen kommen. Das bedeutet einen Ausfall des Gastroumsatzes in gleicher Größenordnung. Auf der anderen Seite leben Veranstalter täglich mit dem Risiko, das Künstler wegen Corona-Erkrankungen am Tag des Auftritts absagen.


Alles in allem ist die Zukunft in der Veranstaltungsbranche immer schwerer zu planen. Hierbei ist auch nicht mit eingerechnet, dass sich zur Zeit kaum jemand ein Ticket für die Zeit nach dem Sommer im Vorverkauf besorgt. Somit ist eine Vorfinanzierung kaum noch möglich, weswegen schon jetzt Festivals abgesagt wurden. Dazu kommt noch der zeitgemäße Ruf nach mehr Diversität auf der Bühne und Nachhaltigkeit beim Gesamtkonzept, was sicher nicht zu weniger Ausgaben führen wird.


Tickets werden in Zukunft in jedem Fall teurer. Das passt nicht sonderlich gut zu den allgegenwärtigen Zukunftsängsten. Viele werden vor der Entscheidung stehen: Benzin oder Konzert. Aber das kleinste Problem damit wird die Zielgruppe selbst haben. Diese hat sich in den letzten zwei Jahren ein neues Ausgehverhalten angewöhnt. Es ist mittlerweile warm genug, um die ganze Nacht im Park zu feiern. Alkohol kostet im Discounter nur einen Bruchteil dessen, was in Clubs oder auf Konzerten dafür verlangt wird. Das gab es in der Form früher nicht, und wie wir in allen Städten (teilweise leidlich) gesehen und gehört haben, war das nicht die schlechteste Alternative.


Zudem stehen alle Zeichen auf erneute Einschränkungen im kommenden Herbst und Winter. Schon jetzt geht im Sommer so gut wie niemand in Clubs. Im Gegensatz zu früher bleiben viele über diese Jahreszeit gleich ganz geschlossen. Die langfristig unsicheren Zeiten werden dazu führen, dass sich diese Branche stark verändern wird und muss, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Einige Großveranstalter stehen schon jetzt mit dem Rücken zur Wand. Es ist kaum denkbar, dass Rettungsschirme des Staates den Wandel aufhalten werden.


Mindestens zwei Organisationen arbeiten an Perspektiven, wie die Zukunft dieser Branche aussehen kann. Ausgang offen.


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