24.11.2022

Der Mikrokosmos „großer Club“ war eine Parallelwelt, aus der sich etwas entwickelte, was niemand für möglich gehalten hätte. Es ging darum, bei etwas ganz Neuem dabei zu sein. 


KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

Eine exklusive Vorschau aus der Gerd-Schüler-Biografie (Anfang 2023),

und Auszug aus der Titelstory der Dezember-Ausgabe  2022 des Journal Frankfurt.


Bisher hatte ich immer nur von dieser mysteriösen Disco am Frankfurter Flughafen gehört und den Namen auch nicht mit dem Protagonisten aus Oscar Wildes gleichnamigen Buch in Verbindung gebracht. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich auch das Buch nur vom Namen her kannte.


Aber dann kam eine Samstagnacht 1983, die mein Lebensgefühl maßgeblich verändern sollte.


Nach ihrer langen Vorgeschichte in der Gastronomie eröffneten Gerd Schüler und Michael Presinger am 29. November 1978 inoffiziell das „Dorian Gray“ am Frankfurter Flughafen. Es sollte nicht weniger als eine deutsche Anlaufstelle für die internationale Haute Volée nach Vorbild des New Yorker „Studio 54“ sein. Der Plan ging auf, und das Dorian Gray wurde auf Anhieb die bekannteste Diskothek Deutschlands.


So weit so gut und bis hierhin nicht meine Welt. Dann aber entwickelte sich Anfang der 80er Jahre ein ungeplantes Paralleluniversum an diesem Ort, welches von den meisten Stammgästen sicher nicht wirklich verstanden wurde. Dieser Moment definierte auch den Unterschied zwischen „Disco“ und „Club“. Ging man bisher mit guten Freunden in die „Disco“, um zu bekannter Musik paarungswillige Gleichgesinnte unter der Discokugel zu finden, wartete im „Club“ nun das Neue, Unbekannte und Magische. 


Was war passiert?


Wenige Jahre nach der Eröffnung des Dorian Gray trafen in Frankfurt Strömungen auf einen Nährboden, der den musikalischen Zeitgeist bis heute bestimmt. Der kulturelle Einfluss der in Hessen stationierten US Soldaten, der spektakuläre Ort in den Katakomben unter dem Frankfurter Flughafen und die dadurch entfallene, damals noch übliche Sperrstunde um ein Uhr nachts machten den Club im Laufe der Jahre zum Hotspot von Nachtschwärmern weit über die Grenzen des Rhein-Main-Gebiets hinaus. Wenn alles andere schloss, fuhren auch viele Mitarbeiter des Frankfurter Nachtlebens nach Feierabend ins „Gray“, um hinter den Türen einen Ort der Freiheit zu erleben.


Aus anfangs vier Tanzflächen (unter anderem eine Rollschuh-Disco) blieben der „kleine“ und der „große Club“, welche im Laufe der Zeit in Sachen Style und Sound gegensätzlicher nicht sein konnten. Im großen Club entstand ein Mikrokosmos, in dem Nachtschwärmer ein Zuhause fanden, die das Besondere suchten und sich vom Einerlei der Diskotheken abgrenzen wollten. Sie ließen ihren Leidenschaften freien Lauf. Individualität war die Motivation, und es entstand eine Community, die so nur innerhalb solcher Orte lebendig war.


Das einzigartige „Richard-Long“-Soundsystem, welches in Vorversionen schon in den New Yorker Diskotheken „Studio 54“ und „Paradise Garage“ installiert wurde, und die damals erste wassergekühlte, schrankgroße Laser-Anlage Europas machten einen Besuch zu einem einzigartigen, audiovisuellen Erlebnis.


Nun zur erwähnten Samstagnacht 1983:


Rückblickend grenzt es wohl an ein Wunder, die berüchtigten Türsteher problemlos hinter mir zu lassen, deren Selektion schon damals für ein sehr ausgesuchtes Publikum sorgte. Was mich dann hinter dem Durchgang zum großen Club erwartete, hat mich vor allem musikalisch bis heute nie wieder losgelassen. Im Rhein-Main-Gebiet orientierten sich einige Discos schon länger an der Musik des großen Clubs, wodurch ich schon vorgeprägt war. 


Die Flächen des minimalistischen, grünen Lasers waren das einzige was ich sah, als ich den ansonsten schwarzen Raum betrat. Die Luft war von Revlon’s „Ciara“-Parfum geschwängert, wohl eine Art Erkennungsmerkmal. Ich hatte sofort das Gefühl, dass es hier darum ging, bei etwas ganz Neuem dabei zu sein. Visionäre Sounds, die nicht im Radio liefen und die nicht im Plattenladen nebenan zu bekommen waren.


Der überdimensionale Bass-Verstärker der neuartigen Exponential-Boxen führte dazu, Musik nicht nur hören, sondern auch spüren zu können. Ich „erlebte“ zum ersten Mal den Song „Unit“ von Logic System, einem Meilenstein der elektronischen Club-Musik. DJ Michael Münzing mag es mir verzeihen, dass ich 1983 die erste von ihm am DJ-Pult für 50 DM erworbene C60-Cassette in meinem Doppel-Tapedeck unzählige Male kopierte und auf dem Schulhof verteilte. Ich bezeichne es heute als Promotion für eine Musik, die man sonst ohnehin nirgendwo hätte hören oder kaufen können.


Das Publikum bestand schon früh aus vielen Selbstdarstellern, Paradiesvögeln und Bohemians, die durch ein entsprechendes Outfit, Irokesen-Frisuren, auffällig anderem Tanzstil und arrogantem Gesichtsausdruck einen gewissen Ehrenkodex generierten. Ganze Cliquen in weißen Togas mit Ketten und Schnallenschuhen hielten zu später Stunde Einzug, von denen sich einzelne Individuen in den Spiegelsäulen der Tanzfläche auspeitschten und seltsame Urwaldlaute von sich gaben. 


Währenddessen standen an der Bar übriggebliebene Anzugträger, die das Treiben der extrovertierten Nachtgestalten auf der Tanzfläche als Zaungäste beobachteten und sicher mehr für den Getränkeumsatz sorgten als das meist einkommensschwächere, extraordinäre Szenepublikum, für die 10 DM Eintritt schon eine Herausforderung waren.


Der Undercut gehörte genau wie Mao-Jacken, Shorts, Springerstiefel und schwarzer Lidstrich zum Standard, eine Mischung aus frühen Gothics und New Romantics, wie man sie in dieser Form nur aus der Welt des „Blitz Clubs“ oder des „Batcaves“ in London kannte. Die Wiesbadener Niederlassung der Trendboutique „Bogey’s“ inspirierte die Szene mit dem Motto „Underground Fashion from London“ zu Eigenkreationen ihrer Outfits. Die teureren Kaufvarianten gab es bei „Hysterie“ und „Filiale“ in der Frankfurter Stiftstraße oder „Flip Machine“ in der B-Ebene. Das wirklich Besondere aber war, dass sich dieser avantgardistische Szene-Karneval musikalisch über eine bestimmte Art elektronischer Musik definierte, die nicht dem gängigen Synth-Pop, Post-Punk oder New Wave entsprach. 


Es war die namenlose Vorstufe von Techno.


Alles passte zusammen: Sound, Musik, Licht, Paradiesvögel. Es war eine magische Aufbruchstimmung, meine Welt, „Get Into Magic“! Im Laufe der folgenden Jahre etablierte das Dorian Gray auch international einen Mythos, der samstägliche Stammgäste sogar aus Städten wie Brüssel und Amsterdam anzog. 


Aber wer waren die Organisatoren, denen man heute hoch anrechnen muss, dass sie das Dorian Gray strategisch einer Art subkultureller Eigendynamik überließen, die im großen Club nur noch wenig mit der ursprünglichen Promi-Disco zu tun hatte? Vielmehr war es ein Zufluchtsort, der in vielerlei Hinsicht die Club-Kultur, die Art der DJ-Selbstverwirklichung und die damit verbundene Entwicklung der elektronischen Musik maßgeblich beeinflusst hatte. Man kannte Gerd Schüler und Michael Presinger vor allem von Bildern der monatlich erscheinenden, achtseitigen „Dorian Gray Parade“. Das sollte für mich auch noch lange so bleiben.


Größten Einfluss auf diese Entwicklung hatte aber die zeitgleiche Veränderung der DJ-Kultur, die sich fernab vom Dienstleister der Disco-Ära durch Musikauswahl und eine neue Mixtechnik selbst verwirklichte. Vorbild waren die frühen Hip-Hop Block-Party-DJs der New Yorker Bronx, die Ende der Siebzigerjahre die ersten Instrumental 12-Inch-Versionen der frühen Elektro-Produktionen ineinander mischten und so den Soundtrack zur Breakdance-Kultur lieferten. Im Gray waren das in erster Linie der erste Resident-DJ Bijan Blum (1978–1986), Peter Römer (1978) und Ralf Holl (1981–84).


Die Sucht der Gäste nach dem Neuen auf allen Ebenen ermöglichte den DJs musikalische Experimente. So trugen Orte wie das Dorian Gray dazu bei, aus dem DJ den heute üblichen „Master of Ceremony“ zu kreieren, ohne damals schon Popstar gewesen zu sein. Das DJ-Pult war eher als Arbeitsplatz irgendwo am Rand der Tanzfläche platziert und noch nicht auf einer Empore. Selbst im Dorian Gray verdienten die DJs kleine Gagen, was mit dem „DJ at Dorian Gray“-Sticker auf eigenen Veröffentlichungen kompensiert wurde. Der Star war immer noch der Club.


Es entstanden unzählige Home-Studio-Projekte, die vornehmlich für den mitreißenden Sound des großen Clubs produzierten und die Demos auch dort durch DJs wie u.a. Michael Münzing (1982–1985), Uli Brenner (1982–1985), Sven Väth (1987–1988), DJ Dag (1988–1993) und Torsten Fenslau (1988–1993) getestet wurden. Musik-Scouts großer Plattenfirmen standen in der Nähe des DJ-Pults, um sich die Infos der Label-Etiketten abzuschreiben und daraufhin ähnliche Musik in Auftrag zu geben. Lange Zeit aber dominierten die kleinen Dance-Labels diese Entwicklung.


Zu der Zeit war ich Rhein-Main-Korrespondent einer deutschen Musikzeitung und schrieb u.a. über die ersten Veröffentlichungen von Maximilian Lenz (alias Westbam), bei dem ich für die Interviews in Berlin regelmäßig auf dem Fußboden übernachtete. Bemerkenswert war dabei jedes Mal seine Bitte: „Bring mir unbedingt Tapes aus dem Gray mit. Ich muss wissen, was da gespielt wird.“


Nichts am Gray entsprach den gängigen 80er-Jahre-Klischees, aber vieles von damals hat die aktuelle Jugendkultur sicher mehr beeinflusst als die stereotypen Beispiele der aktuellen 80er-Retro-Shows im TV. Auch in den hauseigenen Dorian Gray-Veröffentlichungen war selten über diese Strömungen im eigenen Club zu lesen. Kaum etwas deutete auf den zukünftigen Stellenwert der elektronischen Musik oder der DJ-Kultur hin. Es war noch eine funktionierende Subkultur, für die sich auch die Yellow Press nicht interessierte. Viele der damaligen Gäste des großen Clubs werden heute gar nicht wissen, dass sie in den Achtzigerjahren Teil dieser Entwicklung waren, weil sie mit dem Kapitel Nachtleben durch Beruf und Familiengründung schon Anfang der 90er abgeschlossen hatten.


Alles in allem war das Dorian Gray Teil einer prägenden Nightlife-Ära in Verbindung mit elektronischer Musik und der frühen DJ-Kultur, aus der in der Folgezeit erfolgreiche Bewegungen und Musikprojekte hervorgingen. Der „Techno-Club“ (ab 1984) ist dafür ein herausragendes Beispiel. Gründer Andreas Tomalla (alias Talla 2XLC) zog nach mehreren Stationen 1987 mit seinem „Techno-Club“ erst mittwochs, dann freitags ins Gray ein und war wohl der erste Club im Club. Gerd Schüler: „Die sind gekommen mit Ideen, wozu wir gesagt haben, um Himmels Willen, das sind Verrückte.“ Er und Michael Presinger gaben ihm trotz Skepsis ihr Vertrauen, da man nach Innovationen suchte. 


Zeitgleich verließ Sven Väth das Gray, um fortan als Miteigentümer des „Omen“ im eigenen Club aufzulegen. Am 06.11.1988 traten Nitzer Ebb und am 30.11.1990 Front 242 im Dorian Gray auf. Viele bisherige elektronische Musikgenres verschmolzen erst jetzt zu „Techno“. Auch wenn Atkins Toffler in seinem schon 1970 erschienenen Buch “Future Shock“ von den „Techno-Rebellen" spricht, worauf sich dann auch die Detroit Techno-Szene beruft, gibt es keinen Zweifel daran, dass Frankfurt und das Dorian Gray für einen wichtigen Teil dieser musikalischen Entwicklung in den 1990er und 2000er Jahren mitverantwortlich sind und den weltweiten Siegeszug von Techno beeinflusst haben. Talla 2XLC: „Das Dorian Gray war für mich eine Art Startrampe in ein neues Musik-Universum, in dem ich bis dahin unbekannte Sphären elektronischer Musik entdecken und austesten konnte.“


1988 entwickelten Torsten Fenslau und DJ Dag mit neuen flächigen Sounds die elektronische Musik weiter. DJ Dag inspirierte das Indianer in Trance versetzende monotone Trommeln. Daher auch der Genre-Begriff. 


Die Zeitspanne zwischen Anfang und Ende der Achtzigerjahre war wohl die prägendste und innovativste für die neue elektronische Musik. Nach dem Frankfurter Prä-Techno Genre „Aggrepo“ (aggressiv-positiv) entstand 1988 das Phänomen „Sound of Frankfurt“. Der große Club war zwar immer noch ein spektakulärer Club, aber die Musik und das Publikum waren schon nicht mehr einzigartig. Techno war überall zu hören und wurde zum Mainstream. 1989 kam die „Love Parade“ und 1990 die „hr3 Clubnight“. Die Welle war nicht mehr aufzuhalten, und Frankfurt hatte in Sachen Techno aus Deutschland kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Der kommerzielle Nachfolger war das weltweit erfolgreiche „Euro-Dance“. Neben vielen Urgesteinen der Rhein-Main DJ- und Produzenten-Szene waren auch ehemalige US Soldaten aus dem Rhein-Main-Gebiet maßgeblich beteiligt, indem sie Rap-Vocals den Elektro-Produktionen beisteuerten. Eine einzigartige Erfolgsgeschichte von der authentischen Subkultur zum zwangsläufigen Ausverkauf. Einige DJs wurden Superstars, an deren Sounds sich die Clubmusik bis heute orientiert, und Produzenten wurden zu Platten-Millionären. 


Nach einem Feuer 1996 am Düsseldorfer Flughafen gab es eine neue Brandschutzverordnung für die Gastronomie. Schüler & Presinger entschieden, die notwendigen Investitionen nicht mehr zu tätigen. So ging am 31. Dezember 2000 eine Ära zu Ende.


Könnte es einen solchen Mikrokosmos heute noch geben? 


Auch wenn Subkultur an solchen Orten wenig mit dem realen Leben zu tun hatte, entstand eine Exklusivität, die mangels technischer Möglichkeiten nicht zu kopieren und zu teilen war. Physische Anwesenheit war Voraussetzung, denn für die Musik gab es kaum öffentliche Quellen. Unabhängig davon, dass zu dieser Zeit niemand mit einem Fotoapparat in den Club gegangen wäre, gab es auch keine Plattformen, um die Bilder zu teilen. Der inflationäre, digitale Export seit den 90ern nimmt solchen Ereignissen die Exklusivität und macht sie durch grenzenlose Verfügbarkeit uninteressanter. Parallel wurde der DJ zum Rockstar, man folgte eher ihm als einem guten Club-Konzept.


Das Wesen der Musik hin zu einem retromanischen Hintergrundrauschen durch Vorgaben von Streaming-Plattformen führt dazu, dass die Zielgruppe für das Unerwartete, sich Abgrenzende immer kleiner wird. Eine Clubkultur nach damaligen Maßstäben ist heute kaum noch vorhanden. Im Sinne eines fremdgesteuerten Zugehörigkeitsgefühls konsumiert eine altersmäßig vergleichbare Generation lieber das, was alle anderen auch konsumieren.


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1980-1990 | DORIAN GRAY | NONSTOP MIXES

Der 80er Dorian Gray Sound jenseits des Mainstreams.

Jahres-chronologisch und in nonstop DJ-Mixen:

https://www.welcometotherobots.com/dorian-gray-music



Vorbestellung der Gerd Schüler Biografie: 

https://www.meinlebenamlimit.com


Der Autor Raphael Krickow (Foto 1984).

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Fotos: 

Fabian Otto

Gerd Schüler Archiv

Dorian Gray Archiv

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picture-alliance / dpa | Arne Dedert

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