29.12.2022

Keine Macht den Konzernen

Über die vergebliche Suche nach dem eigenen Geschmack


KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

im Journal Frankfurt LIVE! 

Nr. 26-2022, 29.12.-11.01.2023


Hurra! Die Demokratisierung für Publikation aller eigenen Sinnen entspringenden Kreativität ist neben Bild und Text seit Langem auch für Musik vollbracht. Im DIY-Verfahren kann nun jeder nicht nur am eigenen PC Musik produzieren, sondern diese auch per One-Click veröffentlichen. Unabhängig davon, dass den meisten Amateuren scheinbar ein soziales Umfeld fehlt, dass ihnen aufgrund mangelnden Talentes eher von der Öffentlichkeit abrät, stellt sich zum aktuellen Zeitpunkt die Frage: Wann ist die Grenze der noch möglichen Auffindbarkeit qualitativ akzeptabler Werke überschritten?


In den vergangenen Jahrzehnten war das allgemeine Motto der Musikindustrie: „Ein Hit ist ein Hit“. Will sagen, gute Musik findet immer ihren Weg. Das würde ich heute so nicht mehr unterschreiben.


„Du hast doch einen Kumpel, der Grafik kann …“


Am Anfang der Digitalisierung ging man davon aus, dass jedes Talent durch das Erlernen von für alle zugänglicher Software eine Chance hat, die vielen vorher verwehrt war. Dabei wurde die unreflektierte Selbstwahrnehmung unterschätzt, die der Gesamtrechnung einen Strich durch die Rechnung macht. Sicherlich liegt guter Geschmack im Auge des Betrachters, dabei ist es unstrittig, dass die Qualität vieler in der Öffentlichkeit wahrgenommener Werke eher rückläufig ist. Um ein schönes Firmenlogo zu gestalten, braucht es mehr als Photoshop. Beim selten über die Größe einer Briefmarke hinausgehenden sogenannten „Cover“ auf Streaming-Plattformen verhält es sich ähnlich.


Zu Vinyl- und CD-Zeiten bildeten die Kosten die Hürde für Veröffentlichungen. Viele Schritte waren nötig, bis eine Platte im Laden stand. Dementsprechend gab es bei einer Veröffentlichung mehrere Entscheider für ein Ja oder Nein, da diese mit ins finanzielle Risiko gingen. So landete früher auch ein größerer Teil an hitverdächtigen Produktionen im zwangsläufig begrenzten Plattenregal, da Profis an diesen Schritten beteiligt waren. Irgendwann wurden Produktion und Herstellung von z.B. Vinyl-Bootlegs für Künstler erschwinglich. All diejenigen, die an „neuer“ Musik arbeiteten, hatten die Chance, sich Gehör zu verschaffen. Vielleicht hätte es Techno sonst nie gegeben.


Aus diesem Grund wussten DJs, dass sich der Weg in den DJ-Recordstore lohnte und schenkten jeder neuen Scheibe eine Minute ihrer Zeit. Heute hört man sich bei Beatport in einer Stunde ca. 500 „Neuerscheinungen“ der letzten Woche an. „Anhören“ = < 5 sek/Titel. Der inflationäre Wust an Eigenveröffentlichungen macht es immer schwerer, ins eigene Set passende Tracks zu finden. Auch aufgrund der Missachtung von Urheberrechten auf solchen Plattformen wird man mit der tausendsten Coverversion von „Sweet Dreams“ oder „Fade To Grey“ konfrontiert, die die frühere Qualität von Fahrstuhlmusik nicht erreicht.


Durch diese Art der Überforderung aller Beteiligten bis hin zum Hörer findet eine unbemerkte Umkehr dieser Demokratisierung statt. Die Masse überlässt aus Bequemlichkeit und Verzicht auf aktive Suche und Geschmacksbildung mittlerweile börsennotierten, wenigen Konzernen den Markt der Verbreitung.


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