11.01.2023

What You Hear Is What You Get

Nitzer Ebb & Front 242 in Langen bei der „Join The Forces Tour 2023“


KOLUMNE VON RAPHAEL KRICKOW 

im Journal Frankfurt LIVE! 

Nr. 02-2023, 12.01.-08.02.2023


Eigentlich sollte es diesen Text gar nicht geben. Es ist ziemlich abgedroschen, Konzerte mit Bands der guten alten Zeit schön zu reden, die mit Sounds von vorgestern vor einem Ü50-Publikum spielen, welches irgendwann den Anschluss verloren hat.


Warum es ihn trotzdem gibt, ist der Tatsache geschuldet, dass sowohl Acts, Sounds und Publikum – von den Gesichtern einmal abgesehen – scheinbar keinen Tag älter geworden sind. Als jemand, der die Club-, Rave- und Technokultur seit den 80ern miterlebt hat und heute selbst Teilnehmer elektronischer Großfestivals ist, kann ich sagen: Selten habe ich habe eine derartige Energie auf der Bühne und im Publikum erlebt – höchstens bei Dokumentationen von 70er-Punk-Konzerten.


Langen, 06.01.2023, 19:45 Uhr: 99 Prozent  der Gäste sehen aus, als hätten sie nie etwas anderes gehört, nie andere T-Shirts und nie andere Haarschnitte getragen. Ein maximal homogenes Schwarz wohin man schaut, außer der T-Shirt-Contest ähnlicher Vielfalt in Hinsicht auf EBM-Clubs, Band-Logos und Tour-Mottos, vornehmlich in schwarz-weißer Fraktur-Typo gestaltet.


Die Vorband „Liebknecht“ aus Leipzig, die schon 2019 mit Nitzer Ebb durch Nordamerika tourte, beweist in einer Mischung aus nonstop DJ-Set und live gespielten Synthesizern, wie aktuell und lebendig diese Musik immer noch ist.


Anschließend folgt ein dreistündiges, erstmaliges Doppelkonzert von Nitzer Ebb und Front 242. Es wird unmissverständlich klar, warum die Musikrichtung spätestens 1987 auf einem SPV-Sampler „Electronic Body Music“ genannt wurde, obwohl schon auf der Innenhülle des 1984 erschienenen Albums „No Comment“ der Satz „Electronic Body Music composed and produced by Front 242“ abgedruckt war. 


An diesem Abend war die Genrebezeichnung jedenfalls wörtlich zu nehmen. Nicht nur dass es seit DAFs „Verschwende Deine Jugend“ 1981 keinen treibenderen Elektronik-Sound mehr gab, es hat einen diese Urform des Techno scheinbar auch nie wieder losgelassen.. Wobei es sich genau genommen nicht wirklich um Techno handelt, aber das ist Ansichtssache. Ein Großteil des Publikums tanzt Pogo. Die Temperatur in der Halle steigt von ursprünglich Zimmertemperatur auf gefühlte 40 Grad. Alle lassen sich von der Euphorie anstecken, und man wünscht sich, dass jede Generation ihre überschüssige Energie so investieren würde.


Wer schon am 15.12.1989 beim Techno Club-Gastspiel von Nitzer Ebb im Lagerraum des Dorian Gray anwesend war, fühlt sich sofort daran erinnert (https://www.youtube.com/watch?v=j-uLed8Sxkw). Während Nitzer Ebb (Gründung 1982) auch durch den charismatischen Frontmann Douglas McCarthy live etwas mehr darbietet, inszeniert sich Front 242 (Gründung 1981) mystisch durch Nebel, Taschenlampen und Lasershow – krankheitsbedingt nur zu dritt.


Der Abend bleibt in Erinnerung; auch durch die immer noch authentischen und überzeugenden Acts sowie die sich weiterentwickelten Sound-Anlagen. 


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